KÜNSTLER

Ben Middelkamp – Wijhe NL – 1957

Als Künstler ist er Autodidakt. Seine frühen Erfahrungen als Kind mit Kunst beschreibt er so: wenn in der Kirche das Licht auf die farbigen Glasfenster fiel, dann konnte man die Farben noch einmal auf dem Boden sehen. Das hat ihn fasziniert. 1974 hat er begonnen, als Künstler tätig zu werden, hat gemalt und seine ersten Werke bei sich zu Hause im Dorf verkauft. Zeitweise interessierte ihn auch die Fotografie, aber dann waren es doch mehr die Zeichnungen und die Malerei. 1980 hat er sein erstes Landart Projekt gemacht, in Thurso Nord, Schottland und auf der Insel Terschelling. Er ist Gründungsmitglied der Künstlergruppe ‚DNA Funart Vactorie‘, in einer, wie er sagt, wilden Zeit in Berlin und mit vielen Ausstellungen. Ausgestellt hat er bereits in vielen europäischen Ländern, z.B. in Berlin, in New York und Los Angeles.
Seine Kunst hat damals sein Interesse an verschiedenen Kulturen geweckt, auch an Art Brut, primitiver Kunst, so wie der von Aboriginies, Indianern und Buschmenschen. Das führte ihn an die Geschichte heran, die hinter der jeweiligen Kunst steht und zu ihrer Entwicklung geführt hat, also an die Ursprünge.

Über Sandbostel….

Ich kam in Sandbostel an. Es war ein heißer, windstiller Tag. Die Erde war staubig und es war still. Es herrschte Todesstille, nur das Bellen von Hunden im Hintergrund, sonst hörte man nichts. Ich lief herum, schaute um mich, fasste Materialien an, ließ die Umgebung ganz auf mich einwirken. Ich wusste, jedes Stück Holz, jedes Stückchen Stein trägt eine Geschichte in sich und was für eine…
Ich wurde in jeder Baracke, in jedem Gebäude auf mich zurückgeworfen und stellte mir immer wieder Fragen… Wie war es hier damals? Wer ist hier gegangen, hier an dieser Stelle? Unter welchen Umständen?
Ich war an diesem Ort, um zu erfahren, wo die Männer aus Putten gewesen waren, in welcher Umgebung. Das Lager entsprach in dem Sinne meinen Erwartungen. Es gab genug her, um auf meine Reise zu gehen, ‚in die Vergangenheit anderer, mir unbekannter Menschen‘.
Woran dachte der Puttenaar in Sandbostel (so er noch denken konnte), wie war der Himmel, wie war der Boden? Der Puttenaar kannte seinen eigenen Boden ganz genau, dort wo Sand in Fehn und ‚Broekwälder‘ übergeht. Der Boden in Sandbostel mag ihm bekannt vorgekommen sein. Ärmlicher, schlechter Boden.
Der Wind wehte in Sandbostel. Wie war damals der Wind und wie war die Luft in Sandbostel? Wie peitschte der Regen in Brillit? Wie hat es gepfiffen am Klenkendorfer Mühlendammgraben? Kam der Wind aus dem Norden, kalt wie so oft im April? Gab es Regenschauer oder war es staubig und trocken?
Diese eindringlichen Fragen beschäftigten mich bei mehreren Reisen nach Sandbostel. Wo ist der Boden trocken, wo ist er feucht? Wo gibt es Straßen? Warum genau dort? Wo gibt es zwischen den Feldern die Gräben? Wer hat sie gegraben? Wie fühlte sich der Weg von Brillit ins Lager an? Wie lange war der Marsch?
Ich wusste, ich muss diese Eindrücke in Bilder umsetzen. Der Tag, die Nacht. Der Staub, die Trockenheit. Die Kälte, der Regen, der Hunger…
Meine Expressionen nähern sich den Porträts von Ruurd an, von den Puttenaren. Hier waren sie. Hier in Sandbostel.

Ben Middelkamp, 2020

Ruurd van Schuijlenburg – Sneek NL – 1965

Ruurd ist ein autodidaktischer Künstler, der sich intensiv mit dem Ausdruck des Porträts beschäftigt. Er betrachtet jedes Porträt als eine Gradwanderung zwischen Erkennbarkeit und Interpretation. Während der Entstehung des Porträts zeigt sich über den Blick in die Augen des Menschen die Richtung dieser Wanderung.
Über das Projekt…
Ich wusste, dass es einen Onkel meines Vaters gegeben hat, der im Krieg umgekommen war. Onkel Geurt. Mehr nicht. Irgendwann stieß ich in Archieven auf den Namen ‚Sandbostel‘. Mit meinem Vater und Bruder besuchte ich 2016 die Gedenkstätte in Sandbostel, um einen Mann, der mir unbekannt geblieben war, zu ehren.
Geurt aber, ließ mich nicht los. Ich musste ihn in die Augen schauen. Ich porträtierte ihn und stellte mir die Frage, ‚Was haben diese Augen zwischen dem 1. Oktober 1944 und dem 18. April 1945, als er starb, gesehen?‘ Ben guckte sich das Porträt an und war direkt gepackt. Er kannte die Geschichte von Putten, ihm waren die Arbeitslager im Emsland bekannt, er hatte schon mal die Umgebung vom Lager Bathorn gemalt. Mit ihm reiste ich nach Sandbostel. Wir betraten das ehemalige Lagergelände, saßen am Bahnhof von Brillit und entdeckten ‚die Schuld der Landschaft‘. Auf einmal standen, neben Geurt Dirksen, noch 44 weitere Männer vor mir. Männer aus Putten, Jungen manchmal noch und jedes Augenpaar erzählte eine eigene Geschichte. Ich musste die Geschichten in einem Porträt, in einem Blick aufzeichnen.
Ben belebte auf seine besondere Art und Weise die Umgebung, in der die Männer aus Putten gewesen waren. Seine expressiven Arbeiten schenkten den Männern einen eigenen Ort. Zwischen Putten und Sandbostel.

Über die ‚Worte‘ in den Kunstwerken…
Wir haben Fragmente aus einem Brief, den meine Urgroßmutter Ende der 50’er Jahren bekam, verarbeitet. In diesem Brief wurde sie gebeten, Merkmale ihres Sohnes aufzulisten, damit man nachträglich in den vielen Massengräbern die Reste ihres Sohnes identifizieren könne. Sie verschickte die Liste nicht. Geurt wurde nie identifiziert. Ben und ich haben Worte aus dem Brief in ‚dem Atem des Lagers‘ wiedergegeben. Der Atem des Lagers ist der feuchte Dampf, der damals über dem Lager der Gefangenen hing. Der Atem der Männer.

Ruurd van Schuijlenburg, 2020